Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten

Während ich den Mauerstreifen in Berlin lang laufe, komme ich an den Gedenktafeln der einzelnen Maueropfer vorbei. Ja, die Mauer des Sozialismus haben wir überwunden. Aber während ich mich bis 1989 als Westdeutsche frei fühlte, fühle ich mich heute als Europäerin eingemauert  - und ich denke mir für jeden abgewiesen und ertrunken Flüchtling an dem Europäischen Schutzwall des Kapitalismus einen Gedenkstein - Friedhöfe und Massengräber umgeben mich.

Ich bin Europäerin. Ich lernte früh: Europa ist ein Friedensprojekt. Ich dachte: Ich bin gerne Europäerin. Ich sehe heute: Um den Frieden in Europa zu sichern, ziehen wir die Mauern um Europa immer höher. Menschen sterben vor Lampedusa im Mittelmeer, damit der europäische Friede gesichert ist, die Europäische Armee formiert sich - und in mir schallt es: Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.

Ich wollte von ganzem Herzen eine Europäerin sein, ich war erleichtert als der Kalte Krieg überwunden schien. Doch nun heißen die Blöcke Europa, USA, China. Wir schüzten uns weniger vor dem Atomangriff des anderen, als dass wir uns gegen seine Wirtschaftsangriffe schützen. Aufrüstung heißt heute: Lauschangriff der NSA oder TTIP - das Freihandelsabkommen. Die Handelnen sind längst nicht mehr die PolitikerInnen, sondern die Wirtschaftsmächtigen, die ihre Profite maximieren - weltweit - koste es, was es wolle.

Es scheint, als würden sich die geografisch-kontinentalen Gegebenheiten auflösen, und über den blauen Globus legt sich eine neue Karte. Eine Weltkarte, auf der die Wirtschaftmächtigen ihre Herrschaftsbereiche in tiefem Schwarz malen und alle Vielfalt und Nuancen menschlicher Gemeinschaft übertünchen. Und wo einst blaue Flüsse die Adern der Erde waren, sie fruchtbar machten, fliessen heute die blutverfärbten Geldströme des Kaptilas durch die sich ausbreitenden Wüsten der Menschlichkeit.

So bin ich reduziert, eine europäische Konsumentin zu sein. Ich weiß: Ich konsumiere auf Kosten der Menschen in Afrika, in Indien, in Südamerika ... Mein Konsum vergiftet die Atmosphäre, verseucht die Meere, beraubt die Erde um ihre dünne Haut, den Boden, raubt dem Anderen die Lebensgrundlage.

Ich würde es gerne anders tun, würde gerne mit andern BürgerInnen zusammensitzen und darüber nachdenken, wie wir in Deutschland, in Europa, auf dieser Welt leben können, ohne den Menschen in anderen Regionen dieser Welt zu schaden. Ich möchte darüber forschen, was ich als Bürgerin beitragen kann, damit die Menschen dieser Welt weder Hunger noch Armut fürchten müssen. Ich wünsche mir eine gerechte, eine menschenwürdige Welt. Das heißt für mich: Teilen, so lange bis jede und jeder ähnlich viel für ein menschenwürdiges Leben zur Verfügung hat.

Die Welt menschenwürdig gestalten. Ich kann das versuchen mit jeden Einkauf, den ich tätige, ich kann mich in ein Ökodorf zurückziehen und dort Möhren anbauen, ich kann in meiner Region Volksinitiatven für bessere Lebensräume der Bienen initiieren. Ich kann mich für bundesweite Volksabstimmungen einsetzen, um gemeinsam mit andern BürgerInnen meines Landes für eine Energiewende einzutreten. Ich vermeide Plastik, esse wenig Fleisch, ich trenne meinen Müll und bin sparsam mit dem Wasser. Ich unterstützte den Verein Mehr Demokratie und die gGmbH Omnibus für Direkte Demokratie damit die BürgerInnen in Deutschland zu mehr Mitbestimmung und Gestaltungsmöglichkeiten kommen. In Kampagnen und Aktionen setzten wir uns für bundesweite Volksabstimmungen ein. Wir wenden uns mit der Forderung nach Bundesweiter Volksabstimmung an die Politik. Doch dies alles gerät mir zur Phars, wenn ich meinen Blick auf Europa und sein Sosein in der Welt richte.

Ich bin sicher, dass wir bald Bundesweite Volksabstimmungen auch auf Bundesebene haben werden. Doch was nützt das? Die Regeln des Zusammenlebens werden längst auf der schwarzen Weltkarte des Kapitalismus entworfen. Dort agieren weder wir Bürgerinnen noch die Politikerin. Dort agiert allein das Kapital - und das stört sich dank TTIP und NSA-Totalüberwachung wenig daran, ob wir uns per Volksabstimmung beispielsweise für umweltfreundliche Energien entscheiden. Im Gegenteil: Volksabstimmungen drohen zu Brot und Spiele zu verkommen.

Also: Was ist Europa, was braucht Europa und welche Aufgabe kann Europa haben?

Diesen Fragen spüre ich gemeinsam mit Jan Hagelstein im Gespräch mit Johannes Stüttgen nach.

 Edda Dietrich